Der vierte Vortrag der Reihe “Populismus im Verfassungsstaat” am 17.06.2026 fragte danach, wie man angesichts des autoritären Populismus eine individualistische, liberaldemokratische Gesellschaft für die liberale Demokratie mobilisiert, ohne gleichzeitig autoritäre, kollektivistische Züge anzunehmen. Was kann der Gegenwartsdiagnose von Dauerkrise und Handlungsverdruss kommunikativ entgegengesetzt werden? Astrid Séville von der Leuphana Universität Lüneburg widmete sich dem „Verfassungssentimentalismus“ als einer der gegenwärtig eingesetzten kommunikativen Strategien.
Diese koppele ein politisches Anliegen mit Emotionen und instrumentalisiere Emotionen auf diese Weise als demokratiepolitische Argumente. Paradoxerweise wird – so die Referentin – der Sentimentalisierung der liberaldemokratischen Ordnung und der Popularisierung einer Diskursethik ein kämpferischer, agonaler, ja heroischer Gestus abgeleitet.
Sentimentalität werde so selbst kämpferisch, und das Publikum nicht als willfährige Masse von Demagogen, sondern als empathisches Publikum wahrhaftiger und sentimentaler Politiker adressiert. Als Risiken des Verfassungssentimentalismus identifizierte Séville ein Exklusionspotenzial sowie die Gefahr, ins Banale und Kitschige zu verfallen. Schließlich bestehe der Verdacht, dass die liberaldemokratische Gesellschaft womöglich von Sätzen lebe, die sie selbst nur schwer in die Tat umsetzen könne.
Die Referentin
Astrid Séville ist Professorin für Politikwissenschaft, insbesondere Politische Theorie an der Leuphana Universität Lüneburg und leitet dort das Zentrum für Demokratieforschung (ZDemo). Im Jahr 2026 ist sie zudem Gastprofessorin an der Universität St. Gallen. Sie studierte Politikwissenschaft, Romanistik und Historische Anthropologie an der Universität Freiburg und der Universität Paris und forscht zu politischer Theorie, Populismus, demokratischer Opposition und politischer Kommunikation. Zu ihren jüngsten Veröffentlichungen gehören „Modern micropolitics of antipopulism: Rethinking discourse and empathy”, in: Politische Vierteljahreszeitschrift 2025, Open Access; mit Julian Müller (Hrsg.): „Amtsmenschen”, Mittelweg 36, 3/4 2025.
Die Veranstaltungsreihe
Die Greifswalder Rechtsvorträge bieten Angehörigen der Universität Greifswald sowie Vertreter und Vertreterinnen der juristischen Praxis Gelegenheit zum wissenschaftlichen Austausch. Im Sommersemester 2026 findet eine Vortragsreihe zum Thema "Populismus im Verfassungsstaat" statt sowie ein Vortrag von Michael Kunze zu Rudolf von Jhering und Bernhard Windscheid.


