Warum Schlüsselqualifikationen im Jurastudium?

Nach jahrzehntelanger Diskussion trat zum 1. Juli 2003 das Gesetz zur Reform der Juristenausbildung mit der Neufassung von § 5a (3) des Deutschen Richtergesetzes (DRiG) in Kraft. Ziel dieser Neuregelung war und ist, dass das Studium in weitaus stärkerem Maß als bis dato Praxis- und Anwaltsbezüge enthalten soll (vgl. Römermann/Paulus 2003, Vorwort). Den Studierenden sollen neben der konfliktbezogenen Arbeitsweise des Richters auch interessenorientierte, kooperativ-vorausschauende, kreativ-gestaltende und schlichtend-integrative Arbeitsmethoden vermittelt werden. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass fachliche juristische Fähigkeiten nicht allein den beruflichen Erfolg garantieren, sondern mindestens ebenso die kommunikativen und sozialen Kompetenzen eines Richters oder Anwalts. Sie benötigen "allgemeine Fähigkeiten, Einstellungen, Strategien und Wissenselemente, die bei der Lösung von Problemen und beim Erwerb neuer Kompetenzen in möglichst vielen Inhaltsbereichen von Nutzen sind", so die gängige Definition des Begriffs "Schlüsselqualifikationen" (Bildungskommission NRW). Es handelt sich also um "Basiskompetenzen, die man unabhängig von einem bestimmten Berufsfeld bzw. spezifischer beruflicher Anforderungen berherrschen sollte". (Brinktrine/Schneider, 2008, S. 15)

Das DRiG nennt dabei in seiner (ausdrücklich nicht erschöpfenden) Aufzählung von Schlüsselqualifikationen vor allem auch mündlich kommunikative Fähigkeiten, die im Fachstudium meist hinter die schriftlich geprägten Arbeitsmethoden zurücktreten. Zu den mündlichen Fähigkeiten zählen in der Spezifikation nach Brinktrine/Schneider, 2008, S. 14 u. a.:

  • die Fähigkeit erfolgreich vor Publikum zu sprechen, zu präsentieren und zu visualisieren,
  • die Fähigkeit, Versammlungen zu organisieren und zu leiten,
  • Menschen motivieren zu können,
  • die Kunst zu verhandeln und Konflikte zu entschärfen.

Juristen müssen wirkungsorientiert, d. h. auf die Überzeugung des Adressaten hin ausgerichtet sprechen und  hierfür auf Körpersprache, Sprechausdruck und Gesprächshaltung achten. Sie müssen eine Auffassung glaubwürdig darstellen und die eigenen Argumente verständlich und schlüssig artikulieren können. Die oftmals sehr komplexe Struktur von Rechtsproblemen macht eine Kooperation zwischen mehreren Anwälten unverzichtbar. Daher müssen Juristen die Fähigkeit besitzen, kooperativ zu verhandeln und integrativ auf die Gegenseite einzugehen, anstatt nur kompetitiv auf den eigenen Positionen bzw. Ansprüchen zu beharren.

Von Juristen wird zudem erwartet, dass sie sich in die Situation ihres Mandanten hineinversetzen und sich vor Rechtslaien ausdrücken können (vgl. Däubler, 2003, S. 8). Auch in Vernehmungen vor Gericht ist eine einfühlsame Gesprächsführung förderlich. Daher muss ein Jurist Empathie zeigen sowie adressatenorientiert argumentieren und selbst komplizierte Sachverhalte korrekt und gelichzeitig verständlich erklären können.

Abgesehen davon reicht das Berufsbild des Juristen über die klassische forensische Tätigkeit hinaus. Wer in Führungspositionen privater Unternehmen sein Aufgabenfeld findet, muss seine Führungskompetenz fast täglich in Präsentations-, Verhandlungs- und Konfliktlösungssitutationen unter Beweis stellen.

Die JAPO M-V schreibt in der Umsetzung des DRiG für die Zulassung zur Pflichtprüfung neben den Grundlagen und Fortgeschrittenenübungen auch den Besuch "einer Lehrveranstaltung zur Vermittlung interdisziplinärer Schlüsselqualifikationen" vor (§ 5 Abs. 2 Nr. 3 JAPO M-V). Bei den Schlüsselqualifikationen handelt es sich also um eine obligatorische Lehrveranstaltung im Studiengang.

Hinweis zur Sprachregelung: Der Übersichtlichkeit und leichteren Lesbarkeit wegen wird hier und auf den folgenden Seiten die herkömmliche, männlich geprägte Sprachform des "Juristen" verwendet. Es sind jedoch stets und ausdrücklich beide Geschlechter eines Berufsbildes gemeint.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Bildungskommission NRW: Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft. Denkschrift der Kommission beim Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Neuwied, Kriftel & Berlin 1995.
  • Brinktrine, Ralf/Schneider, Hendrik: Juristische Schlüsselqualifikationen, Heidelberg 2008, dort auch der gesetzgeberische Weg zur Einführung der Schlüsselqualifikationen im Jurastudium sowie die landesrechtlichen Regelungen (S. 5-10).
  • Däubler, Wolfgang: Verhandeln und Gestalten. Der Kern der neuen Schlüsselqualifikationen, JuS Schriftenreihe, München 2003.
  • Orth, Helen: Schlüsselqualifikationen an deutschen Hochschulen, Neuwied 1999.
  • Ponschab, Reiner/Schweizer, Adrian (Hg.): Schlüsselqualifikationen Kommunikation, Mediation, Rhetorik, Verhandlung, Vernehmung, Köln 2008.
  • Römermann, Volker/Paulus, Christoph: Schlüsselqualifikationen für Jurastudium, Examen und Beruf, München 2003.
  • Tröger, Thilo: Kommunikative Schlüsselkompetenz zur Berufsqualifizierung im Jurastudium, in: Greifswalder Beiträge zur Hochschullehre, Nr. 5 (2015): "Vermittlung von Schlüsselkompetenzen in der polyvalenten Lehre", S. 40-51.