Das Unterrichtskonzept der Schlüsselqualifikationen für Juristen

Die Videoaufzeichnung als wichtiges Hilfsmittel beim Rhetoriktraining (Foto: Universität Greifswald, Kilian Dorner 2016).

Von dem Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick (1921-2007) stammt das viel zitierte Axiom, dass es unmöglich ist, nicht zu kommunizieren. Denn während einer Interaktion zwischen Personen hat (fast) jedes Verhalten Mitteilungscharakter. Da Recht und Rechtswissenschaft die Verhaltensregeln einer Gemeinschaft von Individuen zum Gegenstand hat, unterliegt auch ein Jurist diesem Kommunikationspostulat. Für den Unterricht in Kommunikationsfähigkeit als eine Schlüsselqualifikationen gilt: Man kann sie nicht erlernen, erweitern oder verändern, ohne sie zu praktizieren. Bei den Schlüsselqualifikationen handelt es sich um "Fähigkeiten, die man wieder und wieder üben und trainieren muss, um allmählich zu erwerbende Techniken, wie man mit neuen, berufsbezogenen Situationen und Herausforderungen umgeht" - letztlich sogar um "Verhaltensweisen und innere Einstellungen" (Römermann/Paulus, 2003, 4, § 10).

Hinzu kommt, dass die reformierte Juristenausbildung den Universitäten eine neue Ausbildungsdimension vorschreibt. Das bedeutet auch ein größeres Engagement zur aktiven Teilnahme und zum Eigenstudium: "Und doch liegt das Schwergewicht beim Erlernen der Qualifikationen eindeutig beim Studierenden selbst; er ist es, der sich nachhaltig (...) um seine Rhetorik, Kommunikationsfähigkeit oder sein Talent zur Streitschlichtung bemühen muss" (Römermann/Paulus, 2003, 30, § 85). Von den Studierenden wird verlangt, dass sie sich in weitaus stärkerem Maß selbst in den Unterricht "einbringen", d. h. ein deutlich größeres Engagement zur aktiven Teilnahme, zum Eigenstudium, ja zur Unterrichtsverantwortung aufbringen müssen, als dies in anderen Unterrichtsformen der Fall ist (vgl. Römermann/Paulus, 2003, 4, § 11). Auch verlangt dieser Ausbildungsteil ein hohes Maß an Kritik- und persönliche Analysebereitschaft. Die Studierenden sollen über ihre inneren Einstellungen selbst reflektieren und sensibel für kommunikative Prozesse gemacht werden.

Die Verantstaltungs- und Lernformen der Schlüsselqualifikationen für Juristen unterscheiden sich daher zum Teil gravierend von denen der Fachdisziplin. "Unterricht in Schlüsselqualifikationen kann nicht so durchgeführt werden wie der klassische Rechtsunterricht": Frontalvorlesungen hören, Notizen machen, akkumuliertes Wissen reproduzieren. Vielmehr wird der Unterricht in kleinen Gruppen stattfinden und vor allem induktiv vorgehen, indem die Studierenden die Regeln kommunikativer Prozesse aus dem Erfahrungen und Rückmeldungen der praktischen Übungen herausfiltern (vgl. Ponschab/Schweizer, 2008, 3). Zur Methodik gehört auch eine aktive und passive Kritikfähigkeit, das Geben und Annehmen von angemessenem und sachlichem Feedback und besonders bei einem Rhetoriktraining die Analyse mithilfe von Videoaufzeichungen zur Reflexion über die eigene Wirkung gegenüber Adressaten.

Inhaltlich macht die Auflistung der Schlüsselqualifikationen im reformierten Richtergesetz ("Verhandlungsmanagement, Gesprächsführung, Rhetorik, Streitschlichtung, Mediation, Vernehmungslehre, Kommunikationsfähigkeit") mit dem vorangestellten Wort "wie" klar, dass der Gesetzgeber erkannt hat: Es handelt sich dabei lediglich um eine beispielhafte Aufzählung. Einerseits können nicht alle Schlüsselqualifikationen erschöpfend behandelt werden, andererseits gibt es noch weitere, mit zu trainierende Qualifikationen wie Teamarbeit, Zeitmanagement, Veranwortungs- und Entscheidungsfähigkeit. Es kann sich daher in den Lehrveranstaltungen nur um eine Auswahl wichtiger Schlüsselqualifikationen und ausgesuchter Techniken handeln, die im Greifswalder Leehrangebot im mündlich-kommunikativen Bereich liegt.

Die Studienordnung für den Studiengang Rechtswissenschaften in Greifswald sieht für die "Kommunikationstechniken für Juristen" ein Semester Dauer mit zwei Wochenstunden (insgesamt also 28 Unterrichtsstunden) vor. In jedem Semester werden zwei alternative Veranstaltungen angeboten, die unterschiedliche Kommunikationssituaitonen behandeln. Während die "Rhetorik für Juristen" semesterbegleitend vor allem die monologische Form und das Sprechen vor Publikum trainiert (Rede, visualisierter Vortrag), widmen sich die "Techniken der Gesprächsführung und Konfliktlösung" der interaktiven Form der Kommunikation und der kooperativen Konfliktlösung (Gespräch, Verhandlung, Konfliktbearbeitung) in einer Blockveranstaltung nach Vorlesungsende.

Die Lehrverantstaltung teilt sich in einen wissens- und in einen fertigkeitsvermittelnden Bereich. Schwerpunkt bildet der praktische Teil in Form von Seminarterminen zu je vier Stunden und in Kleingruppen à 12 bis 16 Studierenden. Dort soll das erlernte Wissen in praktischen Redeübungen, Diskussionen, Fallstudien und Interaktionen ausprobiert, erfahren und reflektiert werden. Für jeden Termin in allen Kursen ist eine Vor- und Nachbereitung der Übungen nötig.

Quellen

  • Ponschab, Reiner/Schweizer, Adrian (Hg.): Schlüsselqualifikationen Kommunikation, Mediation, Rhetorik, Verhandlung, Vernehmung, Köln 2008.
  • Römermann, Volker/Paulus, Christoph: Schlüsselqualifikationen für Jurastudium, Examen und Beruf, München 2003.